Heute ist Freitag, der 22. Mai, der achtundvierzigste Tag der Osterzeit. In dieser Zeit vor Pfingsten denken wir über die Erfahrungen der Jüngerinnen und Jünger Jesu nach, die gemeinsam auf die Ausgießung des Heiligen Geistes warteten. Dabei beten wir mit einigen der Bibelstellen, die wahrscheinlich auch sie vor Augen hatten, während sie – so wie wir – auf den Geist Gottes warteten.
Zu Beginn meines Betens lasse ich es ruhig werden in mir. Ich atme langsam und bewusst und sammle meine zerstreuten Gedanken: Gott, du bist hier.
Heiliger Geist, ich warte auf dich, dass du mir Kraft gibst. Verwandle mein Denken, stärke meinen Glauben und lass meine Liebe wachsen, damit ich lebe, wie es Jesus entspricht, und ich allen seine gute Nachricht bringen kann.
Ich entscheide mich heute bewusst, mich an Gottes Trost zu freuen, und stimme ein in den uralten Lobpreis des ganzen Gottesvolkes, mit Worten aus Psalm 23:
Auch wenn ich durch das dunkle Tal des Todes gehe,
fürchte ich mich nicht,
denn du bist an meiner Seite.
Dein Stecken und Stab schützen und trösten mich.
Du deckst mir einen Tisch
vor den Augen meiner Feinde.
Du nimmst mich als Gast auf und salbst mein Haupt mit Öl.
Du überschüttest mich mit Segen.
Psalm 23,4-5 (Neues Leben)
Heute sinne ich ein letztes Mal über Psalm 40 nach und stelle mir vor, wie die Jünger Jesu mit diesen Worten beteten, während sie auf das Kommen des ersehnten Trösters warteten. König David beginnt diesen Psalm sehr selbstbewusst, aber wird dann nach und nach unruhiger. Je mehr Zeit er in Gottes Gegenwart verbringt, so scheint es, desto mehr holen seine Emotionen ihn ein.
Die mich vernichten wollen,
sollen erniedrigt und bloßgestellt werden
Wer sich über mein Unglück freut,
soll selbst zugrunde gehen.
Sie sollen sich über ihre eigene Schande entsetzen,
alle, die riefen: „Aha, jetzt haben wir ihn!“
Die deine Nähe jedoch suchen,
sollen sich freuen und über dich jubeln.
Die dein Heil lieben, sollen immer wieder rufen:
„Der HERR ist groß!“
Doch ich bin arm und elend,
aber jetzt wird der Herr für mich sorgen.
Denn du bist mein Helfer und mein Retter.
Mein Gott, zögere nicht länger!
Es ist eine abwegige Vorstellung, dass ich mich als Mensch des Glaubens niemals überfordert fühlen darf. Psalm 40 sagt uns etwas anderes. Und dasselbe gilt auch für das Leben der Jüngerinnen und Jünger. Sie hatten eine unglaublich desorientierende Zeit durchgemacht. Innerhalb von nur zwei kurzen Monaten erlebten sie:
Das Hochgefühl des triumphalen Einzugs in Jerusalem.
Den Schock der Verhaftung Jesu.
Die tiefe Enttäuschung darüber, ihn im Stich gelassen zu haben.
Den unvorstellbaren Schmerz seiner Kreuzigung.
Die überwältigende Freude seiner Auferstehung.
Den Umgang mit ihren Schuldgefühlen.
Es war wirklich eine Menge!
Kann es sein, dass Gott die Jünger zwischen Himmelfahrt und Pfingsten deshalb warten ließ, um ihnen Raum zu geben, ihre Emotionen zu verarbeiten? Mussten sie vielleicht erst einmal innehalten und reflektieren, bevor sie weitermachen konnten? Bei mir ist das jedenfalls so.
Gibt es eine Situation in meiner Vergangenheit oder Gegenwart, die in mir erheblichen Stress oder Angst ausgelöst hat?
Heiliger Geist, hilf mir, alle meine Gedanken, Ängste und Emotionen ehrlich mit dir zusammen zu verarbeiten. Ich bitte dich, tröste mich, während ich das heute tue.
Davids Worte über die Lebensgefahr, in der er schwebte, waren für die Jünger zur Realität geworden. Selbst inmitten der Freude und Hoffnung der Auferstehung Jesu wurden sie immer noch von der Obrigkeit bedroht. Dasselbe gilt heute noch für viele Christen auf der ganzen Welt, die mit schwerer Verfolgung konfrontiert sind.
Heiliger Geist, tröste und stärke meine verfolgten Geschwister. Mögen diejenigen, die versuchen, ihnen zu schaden, erniedrigt und bloßgestellt und ihre Pläne vereitelt werden. Gibt deinen Nachfolgerinnen und Nachfolgern Kraft, dass sie in deiner Liebe und Hoffnung und deinem Frieden aufleben.
Ich lese den Abschnitt noch einmal. Dabei achte ich darauf, welches Wort oder welchen Satz der Heilige Geist mir besonders aufs Herz zu legen scheint…
Die mich vernichten wollen,
sollen erniedrigt und bloßgestellt werden
Wer sich über mein Unglück freut,
soll selbst zugrunde gehen.
Sie sollen sich über ihre eigene Schande entsetzen,
alle, die riefen: „Aha, jetzt haben wir ihn!“
Die deine Nähe jedoch suchen,
sollen sich freuen und über dich jubeln.
Die dein Heil lieben, sollen immer wieder rufen:
„Der HERR ist groß!“
Doch ich bin arm und elend,
aber jetzt wird der Herr für mich sorgen.
Denn du bist mein Helfer und mein Retter.
Mein Gott, zögere nicht länger!
Ich nehme mir einen Augenblick Zeit, um über die Worte oder Sätze nachzudenken, die der Heilige Geist mir aufs Herz gelegt hat.
Zu Beginn von Psalm 40 wartet David geduldig auf die Hilfe des Herrn. Als er an diesem Punkt angelangt, ist er mit seiner Geduld am Ende. Er ist angewidert von Sünde und Ungerechtigkeit. Seine Worte haben jetzt eine verzweifelte Dringlichkeit. Jesus hatte seinen Jünger in Lukas 18 beigebracht, kühn zu sein – fast sogar fordernd –, wenn sie sich im Gebet an Gott wenden, besonders dann, wenn sie gegen Unrecht aufschreien.
Manchmal denke ich, dass ich alle meine Emotionen in den Griff bekommen muss, bevor ich zu Gott komme. Und auch wenn Zeiten des ruhigen Reflektierens mit Gott wichtig und richtig sind, kann es manchmal auch einfach dran sein, meine aufgewühlten Emotionen in leidenschaftliche, kämpferische Gebete zu kanalisieren.
Sind meine Gebete gegen die Ungerechtigkeiten, die mich umgeben, zu nett, zu höflich, zu schüchtern geworden? Habe ich meine Emotionen unterdrückt, anstatt sie als Antrieb für leidenschaftliches Gebet zu nehmen?
Heiliger Geist, ich bringe dir meine rohe, ungefilterte Reaktion auf die Ungerechtigkeit, die ich sehe. Ich schreie zu dir in meiner Wut, Trauer und Verzweiflung. Ich flehe dich an, dass du etwas unternimmst, gegen all das, was in unserer Welt falsch läuft. „Denn du bist mein Helfer und mein Retter. Mein Gott, zögere nicht länger!“
Und nun mache ich mich bereit, diese Zeit des Gebets mit in den kommenden Tag zu nehmen. Dabei höre ich auf die Zusage des Herrn, der mich liebt, im Buch Jeremia:
Ich verwandle [deine] Trauer in Jubel,
tröste [dich] und mache [dich] froh nach [deinem] Kummer.
Vater, hilf mir, diesen Tag mit ganzem Herzen zu leben
und dir in jeder Hinsicht treu zu sein.
Jesus, hilf mir, mich an andere zu verschenken
und jedem Menschen freundlich zu begegnen.
Heiliger Geist, hilf mir, die Verlorenen zu lieben,
und Christus zu bezeugen in allem, was ich tue und sage.
Amen.
Originalsprecher: Izwe Nkosi
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